Darf ich vorstellen?// Leonie, Informatikstudentin

Darf ich vorstellen? Leonie, Informatikstudentin//FashionFutter

Darf ich vorstellen? Eine neue Serie, in der ich interessanten Frauen eine Bühne gebe, mit mir über Mode, Studium und das Leben (und was das ganze eigentlich mit Feminismus zu tun hat) zu reden. Let`s start with: Leonie, 19, Informatikstudentin. Ein Ausschnitt aus unserem Gespräch, dass sich am Ende in eine ganz andere Richtung entwickelt hat, als geplant.

Jil: Wer bist du?

Leonie: Uuuh…

J: Ok nein, fangen wir anders an. Du bist Leonie, stimmt’s?

L: Ja ich bin die Leonie.

J: Und du bist 19 und du bist Studentin der Informatik im fünften Semester, ist das richtig?

L: Keine Suggestivfragen!

J: Wieso Informatik?

L: Wegen… ähm… Jetzt muss ich mir ja richtig ausformulierte Antworten ausdenken. Let’s see… Ich denke es begann alles mit dem Verlangen nach einer neuen Herausforderung, nach etwas was ich noch gar nicht kannte und einfach mal etwas zu ergründen, von dem ich dachte, dass es mir wesensfremd wäre, um mir eine vollkommen neue Welt zu erschließen. Die Welt der Zahlen und ALGORITHMEN. Und außerdem habe ich in einem Online-Self-Assessment herausgefunden, dass ich anscheinend gut darin bin.

Und Geld.

J: Wieso Geld?

J: Weil man mit Geld schöne Sachen kaufen kann.

J: Wieso interessierst du dich für Mode?

L: Weil ich mich selbst nicht gerne langweile. Ich glaube, das ist wirklich der einzige Grund. Ich hasse es von mir selbst gelangweilt zu sein. Wenn ich rausgehe und denke: Ich habe nichts an mir, was im Zweifelsfall fähig wäre, den Tag zu retten…  Dann ist auch vorbei.

J: Es wird ja häufig gesagt, Kleidung und Mode dient zur Unterstreichung der Persönlichkeit. Aber ist Mode nicht sogar eher eine „Erweiterung“ beziehungsweise: fungiert wie ein Kostüm? Wobei Verkleidung schon diesen negativen Beigeschmack beinhaltet, dass man sein eigentliches Ich verdecken möchte.

L: Ich finde die Formulierung „Ausdruck der Persönlichkeit“ stellt es so dar, als ob meine Persönlichkeit etwas starres, Unveränderliches wäre und was man dann fest druckt, in schwarz-weiß niederlegt mit seinem Outfit. Etwas Feststehendes. Und das ist es für mich auf keinen Fall. Man verändert sich doch jeden Tag.  Und daran kann man seine Klamotten anpassen oder sagen „Heute möchte ich ein Pirat sein!“.

J: Oder ich ziehe mich so an, wie ich mich fühlen möchte. […]

Hast du das Gefühl in deinen modischen Entfaltungsmöglichkeiten eingeschränkt zu sein, aufgrund deines informatisch geprägten Umfeldes?

J: Ja? Ja. Tatsächlich. Aber der Grund ist weniger die Informatik als Wissenschaft, sondern die Fachkultur. Es gibt tatsächlich Sachen, von denen ich denke, dass ich sie mir in diesem Umfeld nicht leisten kann. Ich weiß nicht, ob mich jemand darauf ansprechen würde, aber, wenn ich auf Femme Fatale machen würde, in schwarz, mit tiefem Ausschnitt… Das habe ich wirklich schon von anderen Informatikerinnen gehört, dass ihre männlichen Kommilitonen dann anfingen zu lästern, sie nicht mehr ernst nahmen oder dann Sprüche abgelassen wurden, wie „Die studiert das ja nur wegen der Jungs.“, wenn sie sich sexier angezogen haben. Aber in die andere Richtung genauso: Wenn ich coole T-Shirts mit bunten Einhörnern bei anderen sehe und sofort denke „Das kannst du aber auch nicht anziehen“, weil es bestimmt jemanden in meinem Institut gibt, der total in dieser Comic-Nerd-Subkultur drin ist und dann sagt „Oh my god, FAKE GEE GURRRL! Sie weiß doch gar nicht worum es da geht, sie ist nicht one of us, sondern kommt von außen und möchte das für sich vereinnahmen“.

J: Wie üben sich diese Umstände darauf aus für was du dich morgens vorm Kleiderschrank entscheidest?

L: Dadurch, dass meine Klamotten schon so ausgewählt sind, dass alles irgendwie so halbwegs zusammenpasst, habe ich morgens eher selten Entscheidungsschwierigkeiten. Andererseits wenn ich shoppen gehe, was sehe, was ich richtig scharf finde, kommt schon der Gedanke „Zur Uni? Kannst du das wahrscheinlich nicht anziehen.“.

Zum Beispiel, wenn ich Pelz trage oder offen gegenüber anderen äußere, dass ich mich darüber freue, wieder im Winter Pelz tragen zu können, wird das als oberflächlich abgestempelt. Leute in der Uni lassen mich auch spüren, dass sie denken: „Ich weiß, dass du das nur wegen der Aufmerksamkeit der Männer machst, du bist doch nur ein Schmuckweibchen.“.

Passend dazu, als ich mir dann noch die Haare blond gefärbt hatte: Am nächsten Tag, Übung in einem kleinen Seminarraum, in dem natürlich nur abgesehen von mir Jungs saßen, denn kommt schon mal öfters vor, sorry ich studiere Informatik. Aus Spaß meinte ich zu ihnen „Hey fällt euch was an mir auf?“. Während ich dann meine Übungen bearbeitete, kommt Madga rein, und ich hatte ihr dann eben nicht, wie meinen restlichen Kommilitonen entgegengeschleudert „Guck ich bin blond!“. Dann kam der Kommentar von irgendsonem Arsch: „Leonie, hast du Madga etwa noch nicht deine neue Haarfarbe aufgedrängt? Geht mehr so um die Aufmerksamkeit der Männer bei dir, stimmt’s?“

J: Was für ein Arsch.

L: Aber den Typen hassen sowieso auch alle.

J: Möchtest du an dieser Stelle noch seinen vollen Namen, seine Adresse und den Link zu seinem Facebook-Profil nennen?

L: Ich kenne seinen richtigen Namen nicht, weil ihn alle nur Herbert nennen.

J: Kriegst du häufiger von Kommilitonen, die ja überwiegend männlich sind, Kommentare zu deinem Kleidungsstil? Denn, let’s face it: Dein Kleidungsstil ist sehr expressiv.

L: Thanks Gurl!

J: Hast du das Gefühl, dass dein Kleidungsstil eine bestimmte Wirkung bzw. ein bestimmtes Bild von dir bei anderen Menschen insbesondere deinen Kommilitonen projiziert?

L: Ich habe mir auch darüber Gedanken gemacht, wie mein Modesinn ankommt. Aber die Leute mit denen ich rede, die merken auch, dass ich genau wie mein Kleidungsstil nicht in dieses Schema Informatiker passe. Das Gesamtbild ist einfach, dass ich aus dem Raster falle. Das ist dann nicht nur auf meinen Kleidungsstil beschränkt. Wenn ich auf meinen Kleidungsstil angesprochen werde, ist auch meistens meine Persönlichkeit dabei Thema.

Trotzdem existiert diese Schranke in meinem Kopf, dass ich bestimmte Sachen nicht anziehe oder gar kaufe.

J: Mode ist ja nicht nur Mode, sondern auch Ausdruck, Expression. Lass uns dabei nicht nur auf die Persönlichkeit beschränken. Glaubst du mit einem Studium mehr in der künstlerischen Richtung, hättest du weniger Probleme, das anziehen was du willst?

L: Ich denke, für jedes Studium gibt es bestimmte Dress-Codes. Eine gute Freundin studiert Kunstgeschichte, deren Kommilitonen tragen ausschließlich schwarz, möglichst cool. In ihrem Nebenfach Sozial- und Kulturantrhopologie jedoch, sind Dreadlocks und Pumphosen der letzte Schrei.

Es gibt diese Beispiele wie Mark Zuckerberg, der nur graue Shirts trägt oder Steve Jobs, mit seinen engen, schwarzen Rollis. Das Bild von dem genialen Mann. Das ist bestimmt auch ein Geschlechterding. Denn als Frau hast du auch Tit-ten und die musst du halt mit einbeziehen! Wenn eine Frau einen engen, schwarzen Rollkragen trägt, ist das etwas vollkommen Anderes!

J: So viele Kleidungsstücke sind bei Frauen total sexualisiert, wenn du das jetzt mal mit einem flachbrüstigen Steve Jobs vergleichst.

L: Auch, wenn eine Frau einen Anzug trägt, wirkt das in keiner Weise neutral.

J: Wenn eine Frau einen Anzug trägt, ist das auch Gesprächsthema. Aber wieso? Ich ziehe doch genauso gut Jeans an und back in the days, vor 100 Jahren war es nicht üblich, dass Frauen Jeans tragen. Das geht mir furchtbar auf den Sack. Selbst modisch gesehen, haben wir noch nicht den Punkt erreicht, dass Frauen Anzüge tragen können, ohne dabei bewertet zu werden.

L: Aber gibt es überhaupt Kleidungsstücke für Frauen die neutral sind? Frauenkleidung wurde von Anfang an dafür erfunden wurde, die Frau als Objekt darzustellen.

J: Egal was, aber es ist immer eine Konnotation vorhanden. Bei Männern ist das viel seltener.

L: Deswegen greift dieses Konzept vom „Ausdruck der Persönlichkeit“ für Frauen nicht. Du musst dich gegen deine Klamotten und ihre Wirkung fast schon zu Wehr setzen. Auch gegen das Bild von einer Frau, welches dir die Fashion Industrie vorschreibt.

J: Kommen wir nochmal zum Anzug zurück: Geht ein Mann damit ins Büro, kann da keine Begleitvorstellung entstehen. Der Anzug für Frauen für das Büro ist zwar inzwischen genauso ein Businessklassiker wie z.B. das Kostüm. Aber dennoch impliziert der Kleidungsstil von Frauen auf der Arbeit, man könne daraus jetzt auf die Persönlichkeit der Frau schließen. Würdest du über einen Mann im Anzug irgendwelche Überlegungen zu seinem Charakter stellen?

L: Bei Frauen konzentriert man sich viel mehr auf die Oberfläche. Und ihre damit verbundene Wirkung. Wir haben viel mehr Oberfläche, die beobachtet wird.  Und dadurch auch viel mehr Angriffsfläche.

J: Wow. Voll deeper Shit!

L: Als Frau stellst du schon in irgendeiner Weise ein Objekt dar. Und Objekte sind dazu da „angegriffen“ zu werden, dass meine ich nicht mal mehr in einem feindseligem Sinn.

J: Beziehungsweise es wird mit dir als Objekt interagiert.

L: Pervert!

Aber wir werden auch eher dazu erzogen, uns selber von außen zu betrachten.

Trotzdem möchte ich kein Mann sein. Mit diesen Klöten zwischen den Beinen. Voll unpraktisch.

Ich bin total froh eine Frau zu sein.

 

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